Redebeitrag zur Spontankundgebung für das Besetzte Haus Erfurt

Am 9. Juli fanden sich auf dem Erfurter Fischmarkt ca. 50 Sympatisantinnen des besetzten Hauses auf einem Teil des ehemaligen Topf & Söhne-Geländes zu einer Spontankundgebung zusammen. Das besetzte Haus, solle „so wie es ist: auf dem Topf & Söhne-Gelände und selbstverwaltet“ bleiben. (Artikel auf Indymedia)
Hier der Redebeitrag von „Wir bleiben alle!“:

Wir bleiben alle! setzt sich für den Erhalt des Besetzten Hauses dort wo es ist, und so wie es jetzt ist ein, da es eine der wichtigsten kulturellen Zentren Erfurts ist.

Beim Besetzten Haus geht es eben um mehr, als dass ein paar Leute in einem Haus wohnen bleiben wollen, das ihnen gefällt. Seit über sieben Jahren wird dieses einmalige Projekt aufgebaut, daran gearbeitet und drin gelebt.
Zahlreiche Veranstaltungen und Konzerte sind kostenlos, oder werden durch ihren unkommerziellen Charakter für alle erschwinglich. Jede_r kann sich an dem Projekt beteiligen. Menschen können dort mietfrei wohnen. Politische Gruppen und Initiativen bekommen hier die Möglichkeit, sich zu treffen. Zusätzlich dient das Haus als Schutzraum für alternative und häufig diskriminierte Menschen, Randgruppen und Minderheiten.
Es wirkt wie ein schlechter Witz, dass dort ein Kaufhaus errichtet werden soll, gegensätzlicher könnte es wohl kaum sein. Wie kann es sein, dass das Eigentümer-Recht über dem Recht steht, wohnen zu dürfen und es ermöglicht solch ein einzigartiges Projekt zu Zerstören?

Soziale Ungleichheiten verstärken sich immer weiter; dass auch durch die städtische Politik. In der Stadt werden die Auswirkungen der totalen Durchkapitalisierung der Gesellschaft besonders deutlich und gerade in Erfurt vermehrt sichtbar. Die Chance günstigen Wohnraum zu finden schwindet immer weiter.

Beispielsweise Verkaufte die KOWO massenweise Häuser oder lässt sie abreisen. Die Mieten steigen dadurch an und Bevölkerungsschichten mit wenig finanziellen Mitteln, werden damit aus ihren bisherigen Wohnungen vertrieben.
Parallel zu der Wohnraumentwicklung fehlen Projekträume und Büros für Vereine und Initiativen, Proberäume für Bands und Ateliers für KünstlerInnen.
Durch Hartz 4 wurden und werden Zahlreiche Menschen gezwungen, in billigere Wohnungen um zuziehen. Arbeitslose werden, als ein Heer von Überflüssigen, zu menschenunwürdiger Entlohnung, herangezogen. Hinzu kommt das die Lebensunterhaltungskosten enorm steigen. Auch die Preise für die Tickets der EVAG und der „Deutschen Bahn“ steigen an.
Wohnraum und Bildung sind zur reinen Ware verkommen und für weitreichende Teile der Bevölkerung inzwischen purer Luxus. Die Betroffenen sind die ohnehin sozial schwachen. für Menschen mit weniger finanziellen mitteln wird es immer schwieriger am gesellschaftlichen Leben teil zu haben.
Doch selbst die noch fast einzige „günstigste“ Möglichkeit der Freizeitbeschäftigung wird sozial Schwachen und vor allem Jugendlichen genommen.
So wurde nun das Trinken von Alkohol in der Innenstadt und in Parks verboten. Alle, die sich teure Kneipen nicht leisten können, aber trotzdem gerne mal ein wenig Alkohol genießen möchten, werden somit von öffentlichen Plätzen verdrängt.
Das kapitalistische Prinzip, soviel Gewinn wie möglich zu erwirtschaften, wird Schritt für Schritt auf alle Bereiche des Lebens ausgeweitet. An der Intention der Agierenden, höhere Gewinne einzufahren, wird bereits deutlich, dass es eben nicht darum geht, ein besseres und angenehmeres Leben für alle zu schaffen.
Mit dem Besetzten Haus Erfurt haben Menschen ein Projekt geschaffen, in der sich gegen diese Entwicklung gestellt wird. Es bietet ohne finanziellen Aufwand Räume für Bands, Künstler_innen, politische Gruppen und gesellschaftliche teilhabe in vielerlei Hinsicht. Hier ist Raum für alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Aussehen und ihren finanziellen Möglichkeiten.

Öffentliche und selbstverwaltete Räume, in denen sich Menschen politisch engagieren und entfalten können wären mit der Schließung des Besetzten Hauses nicht mehr vorhanden.
Unter der Parole „Wir bleiben alle!“ wehren wir uns gegen sozialen Ausschluß und Vertreibung. Das Besetzte Haus soll bleiben, dort wo es ist und so wie es ist. Wir fordern eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, ausnahmslos für alle Menschen. Häuser sollen nicht privatisiert, sondern jenen überlassen werden, die drin wohnen. Leerstehende Häuser sollen nicht abgerissen, sondern denen zur Verfügung gestellt werden, die sie brauchen. Öffentlicher Nahverkehr soll nicht teurer werden sondern kostenlos für alle. Wir wollen eine soziale Stadt, für alle.
Gegen Kommerz und Privatisierung – für Freiräume! Kein Tag ohne Autonomes Zentrum!